Praktische Autismusforschung

Gentests bei Autismus: Was ein Test aussagen kann und was nicht

Ein kurzer Überblick ĂŒber die Lage in Großbritannien: wer getestet wird, wie Autismus vererbt wird, wonach der Test sucht und was ein Ergebnis bedeutet.

FĂŒr Familien in Deutschland: Ablauf, Voraussetzungen und Kosten in Deutschland beschreibt unser Leitfaden Gentests bei Autismus und ADHS: Ablauf und Kosten in Deutschland.

Wer bekommt in England einen Test?

Autismus allein ist beim NHS (National Health Service) in England kein Grund fĂŒr einen Gentest. Eine leichte Intelligenzminderung allein ebenfalls nicht.1

Seit dem 1. April 2026 kann ein Kind unter dem Testcode R27 (Paediatric disorders) eine Ganzgenomsequenzierung erhalten, wenn eines davon vorliegt:1,2

Eine Epilepsie allein gehört nicht zu den R27-Kriterien.1,2

In England kann ein Kinderarzt oder eine KinderĂ€rztin den Test bei mindestens mittelgradiger Intelligenzminderung direkt anfordern. Eine Überweisung an die Humangenetik ist nur nötig, wenn Hinweise auf ein Syndrom bestehen, etwa leichte AuffĂ€lligkeiten im Gesicht oder ein ungewöhnliches Wachstum. Vorher bespricht die Ärztin oder der Arzt den Test mit der Familie und dokumentiert das GesprĂ€ch auf einem Standardformular.1

Die britische Leitlinie CG128 des NICE (National Institute for Health and Care Excellence), Autism spectrum disorder in under 19s: recognition, referral and diagnosis, rĂ€t von routinemĂ€ĂŸigen medizinischen Untersuchungen bei der Autismus-Diagnostik ab. Gentests sollen erwogen werden, wenn ein Kind Dysmorphiezeichen, angeborene Fehlbildungen oder eine Intelligenzminderung hat.3 In Deutschland gelten andere Regeln; sie stehen im oben verlinkten Leitfaden.

Der NHS North Thames Genomic Medicine Service erklÀrt die Ganzgenomsequenzierung in kurzen Videos. Es gibt sie auf Englisch, Bengalisch, Gujarati, RumÀnisch und Urdu, aber nicht auf Deutsch: Videos zur Ganzgenomsequenzierung (YouTube).

Wie wird Autismus vererbt?

Eltern fragen oft, ob sie es weitergegeben haben. Eine einfache Antwort gibt es selten, denn die Genetik des Autismus wirkt auf mehreren Wegen.

Viele hÀufige Varianten

Bei den meisten autistischen Menschen beruht der genetische Anteil auf vielen hÀufigen Varianten. Jede hat nur eine winzige Wirkung. Sie stammen von beiden Eltern und wirken mit anderen Faktoren zusammen. Ein klinischer Test weist sie nicht aus.4

Eine neue VerÀnderung beim Kind

Manchmal ist die Ursache eine einzelne VerÀnderung, die beim Kind neu entstanden ist. Sie wurde von keinem Elternteil geerbt. Man nennt das de novo. Nicht jede neue VerÀnderung verursacht eine Erkrankung. Wenn doch, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei einem Geschwisterkind erneut auftritt, meist gering.

Eine einzelne vererbte VerÀnderung

Seltener ist die Ursache eine einzelne vererbte GenverĂ€nderung. Tragen beide Eltern eine rezessive VerĂ€nderung im selben Gen, liegt die Wahrscheinlichkeit bei jeder Schwangerschaft bei 1 zu 4. Hat ein Elternteil eine dominante VerĂ€nderung, liegt sie bei 1 zu 2. Diese Zahlen gelten erst, wenn die genaue Ursache bekannt ist. Bei X-chromosomalen Erkrankungen wie dem Fragilen-X-Syndrom sind Jungen meist stĂ€rker betroffen. Die Zahlen fĂŒr Ihre Familie nennt die humangenetische Beratung.

Wie erblich ist Autismus?

Eine Studie mit 2 Millionen Kindern aus fĂŒnf LĂ€ndern fand, dass genetische Faktoren etwa 80 % der Unterschiede beim Autismus zwischen Menschen erklĂ€ren.5 Das ist eine Zahl fĂŒr die Bevölkerung. Sie sagt nicht voraus, was in einer einzelnen Familie geschieht.

Die Wahrscheinlichkeit fĂŒr jĂŒngere Geschwister

Eine internationale Studie begleitete 1.605 Babys mit einem autistischen Ă€lteren Geschwisterkind. Mit 3 Jahren waren 20 % autistisch. Waren zwei oder mehr Ă€ltere Geschwister autistisch, lag der Anteil bei 37 %, bei einem bei 21 %. Bei Jungen waren es 25 %, bei MĂ€dchen 13 %.6 Diese Zahlen gelten fĂŒr Familien allgemein, nicht fĂŒr Familien, in denen eine genetische Ursache gefunden wurde.

Wonach der Test sucht

Die Ganzgenomsequenzierung liest fast die gesamte DNA eines Kindes, etwa 3 Milliarden Buchstaben. Seit April 2026 ist sie in England der erste Test fĂŒr Kinder, die die R27-Kriterien erfĂŒllen. Der Ă€ltere Test, die Microarray-Analyse, kommt dort nur noch zuerst, wenn die Merkmale eines Kindes stark auf eine bestimmte Chromosomenstörung hinweisen, etwa das Williams-Syndrom oder das 22q11-Deletionssyndrom.1

Der Test kann drei Arten von VerÀnderungen finden:1

Das Labor wertet nicht jedes Gen aus. Es prĂŒft eine vereinbarte Liste von Genen, die zu den Schwierigkeiten des Kindes passen, ein sogenanntes virtuelles Panel. Bei R27 ist das das Panel „Paediatric disorders“.1 Ein unauffĂ€lliger Befund bedeutet, dass auf dieser Liste nichts Relevantes gefunden wurde.

Das Ziel von NHS England fĂŒr ein Ergebnis der Ganzgenomsequenzierung sind 84 Tage. Die Labore weisen darauf hin, dass es wegen ihrer Auslastung lĂ€nger dauern kann.1

Was ein Ergebnis aussagen kann

Die meisten getesteten Kinder bekommen keine eindeutige Antwort. In einer belgischen Studie von 2026 mit Kindern und Erwachsenen mit Entwicklungsstörungen fand die Genomsequenzierung bei 40 % eine Diagnose.7

Ein eindeutiger Befund (pathogen oder wahrscheinlich pathogen) erklĂ€rt die Schwierigkeiten des Kindes oder erklĂ€rt sie sehr wahrscheinlich. Er kann zu gezielten Vorsorgeuntersuchungen und genauer Beratung fĂŒr weitere Schwangerschaften fĂŒhren. Die UnterstĂŒtzung beim Autismus selbst Ă€ndert er selten.

Eine Variante unklarer Bedeutung (VUS) ist eine VerÀnderung, die das Labor noch nicht einordnen kann. Sie ist keine Diagnose.

Kein Befund heißt nicht, dass die Ursache nicht genetisch ist. Die Genomdaten werden gespeichert und können erneut ausgewertet werden, wenn neue Gene entdeckt werden.

Quellen

  1. Leeds Teaching Hospitals / North East and Yorkshire Genomic Laboratory Hub. Important: changes to National Test Directory from April 2026. Schreiben vom 4. MĂ€rz 2026.
  2. NHS England. National Genomic Test Directory: rare and inherited disease, Version 9 (April 2026). england.nhs.uk
  3. National Institute for Health and Care Excellence. Autism spectrum disorder in under 19s: recognition, referral and diagnosis (CG128). nice.org.uk/guidance/cg128
  4. Grove J, Ripke S, Als TD, et al. Identification of common genetic risk variants for autism spectrum disorder. Nature Genetics. 2019;51:431–444. doi:10.1038/s41588-019-0344-8
  5. Bai D, Yip BHK, Windham GC, et al. Association of genetic and environmental factors with autism in a 5-country cohort. JAMA Psychiatry. 2019;76(10):1035–1043. doi:10.1001/jamapsychiatry.2019.1411
  6. Ozonoff S, Young GS, Bradshaw J, et al. Familial recurrence of autism: updates from the Baby Siblings Research Consortium. Pediatrics. 2024;154(2):e2023065297. doi:10.1542/peds.2023-065297
  7. Geysens M, Souche E, Baroni MC, et al. Genome Medicine. 2026;18:144. doi:10.1186/s13073-026-01771-2