Praktische Autismusforschung
Ursachen und Genetik

Mein autistisches Kind hat einen großen Kopf. Muss ich mir Sorgen machen?

· Von Practical Autism Research

Viele Eltern bemerken, dass ihr autistisches Kind einen großen Kopf hat. Manchmal spricht es zuerst die Kinderärztin oder der Kinderarzt an. Diese Seite erklärt, was gemessen wird, wie häufig das bei Autismus vorkommt und wann ein Gentest angeboten wird.

Wann gilt ein Kopf als groß?

Gemessen wird der Kopfumfang (head circumference), knapp über den Augenbrauen und Ohren. Der Wert wird in eine Wachstumskurve für das Alter Ihres Kindes eingetragen.

Der Fachbegriff für einen großen Kopf ist Makrozephalie (macrocephaly). Die Quellen nennen keinen einheitlichen Grenzwert. Meist gilt ein Kopf als groß, wenn er über der 97. bis 98. Perzentile für das Alter liegt oder 2 Standardabweichungen (SD, standard deviations) über dem Durchschnitt. Eine Standardabweichung beschreibt, wie weit ein Wert vom Durchschnitt entfernt liegt. Manche Leitlinien nutzen einen höheren Grenzwert von 3 SD.

Es gibt also keine feste Regel. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt schaut auf den Verlauf in der Kurve, nicht auf eine einzelne Zahl.

Wie häufig ist das bei Autismus?

Eine große Übersichtsarbeit von 2015 fasste 27 Studien zusammen. Von 5.225 autistischen Menschen hatten 822 einen großen Kopf. Das sind etwa 16 %, also ungefähr 1 von 6. Per Definition liegen nur etwa 2 bis 3 % aller Menschen über der 97. bis 98. Perzentile.

Kopf und Gehirn waren vor allem in der frühen Kindheit größer.

Zur Forschung, warum das Gehirn mancher autistischer Kinder anders wächst, lesen Sie Makrozephalie und Autismus: was Hirnorganoide uns zeigen.

Oft liegt es in der Familie

Ein großer Kopf allein, ohne weitere Auffälligkeiten in Entwicklung oder Gesundheit, kann einfach familiär sein. Deshalb sollte auch der Kopfumfang der Eltern gemessen werden. Hat ein Elternteil ebenfalls einen großen Kopf, ist das eine wichtige Information.

Was bei der Autismus-Diagnostik untersucht wird

Im Vereinigten Königreich empfiehlt die Leitlinie NICE CG128 (NICE: National Institute for Health and Care Excellence, die britische Leitlinienbehörde) eine körperliche Untersuchung als Teil der Autismus-Diagnostik (Empfehlung 1.5.6). Dazu gehört:

  • auf einen großen oder kleinen Kopf zu achten
  • auf ungewöhnliche körperliche Merkmale zu achten
  • die Haut auf Zeichen zweier genetischer Diagnosen zu untersuchen, Neurofibromatose und Tuberöse Sklerose, manchmal mit einer UV-Lampe (Wood-Lampe, Wood's light)

Wenn der Kopfumfang Ihres Kindes nicht gemessen wurde, dürfen Sie gern danach fragen.

Wo die Gene ins Spiel kommen: PTEN

PTEN ist ein Gen. Eine Veränderung in diesem Gen kann zum PTEN-Hamartom-Tumor-Syndrom (PTEN hamartoma tumour syndrome, PHTS) führen. Ein großer Kopf ist eines der Hauptmerkmale.

Vier kleine Studien aus Kliniken in den USA untersuchten autistische Kinder mit großem Kopf (Butler 2005, Varga 2009, McBride 2010, Klein 2013). Zwischen 5 % und 22 % dieser Kinder hatten eine PTEN-Veränderung. Am höchsten war der Anteil bei sehr großem Kopf.

Diese Zahlen stammen aus kleinen, ausgewählten Klinikgruppen. Sie gelten nicht für alle autistischen Kinder. In diesen Studien hatten die meisten autistischen Kinder mit großem Kopf keine PTEN-Veränderung.

Der Weg im britischen NHS

Die folgenden Testwege gelten für das britische Gesundheitssystem NHS (National Health Service). In Deutschland läuft es anders; Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kann Sie beraten. Mehr dazu finden Sie unter Gentests bei Autismus und ADHS in Deutschland.

R27: Genomsequenzierung (whole genome sequencing). Für Kinder mit Entwicklungsverzögerung oder geistiger Behinderung. Dabei werden alle Gene gelesen, auch PTEN. Kinderärztinnen und Kinderärzte im NHS können diesen Test direkt anfordern. Siehe auch Genomsequenzierung bei Entwicklungsverzögerung.

R213: PTEN-Test. Für einen großen Kopf zusammen mit weiteren Zeichen. Dazu gehören bestimmte Hautzeichen, etwa kleine Knötchen im Gesicht, kleine Wucherungen im Mund, verdickte Stellen an Händen oder Füßen oder Fettgeschwülste (Lipome, lipomas). Auch andere Zeichen aus den Testkriterien können zählen.

Autismus allein ist kein Grund für einen R213-Test. Es braucht einen großen Kopf und weitere Zeichen.

In Deutschland überweist die Kinderärztin oder der Kinderarzt in die Humangenetik. Die gesetzliche Krankenkasse zahlt den Test bei ärztlichem Verdacht auf eine genetische Ursache.

Ob Autismus selbst in Familien liegt, lesen Sie in Autismus und ADHS: Ist das genetisch?

Wenn eine PTEN-Veränderung gefunden wird

Menschen mit PHTS haben später ein höheres Risiko für einige Krebsarten, vor allem Brust-, Schilddrüsen- und Gebärmutterkrebs. Das Risiko für Nieren- und Darmkrebs sowie Melanom ist mäßig erhöht.

Deshalb werden regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen angeboten. In Europa richten sie sich nach einer Leitlinie von 2026 des ERN GENTURIS, eines europäischen Netzwerks für erbliche Tumorsyndrome. Ihr humangenetisches Team erklärt, welche Untersuchungen wann nötig sind. Bitte leiten Sie keinen Zeitplan aus dieser Seite ab.

In einer Studie hatten Verwandte mit derselben Veränderung einen großen Kopf, eine geistige Behinderung oder früh Krebs, und keiner war vorher diagnostiziert. Ein Befund beim Kind kann also auch anderen Familienmitgliedern helfen.

Wann Sie früher ärztlichen Rat holen sollten

Kinder im Vereinigten Königreich haben im Vergleich zum Standard der Weltgesundheitsorganisation (WHO, World Health Organization) eher große Köpfe. Die britische UK-WHO-Wachstumskurve des RCPCH (Royal College of Paediatrics and Child Health) sagt: Ein großer Kopf ist nur dann bedenklich, wenn er nach dem 6. Lebensmonat weiter überdurchschnittlich wächst oder wenn andere Zeichen oder Beschwerden dazukommen. Aufmerksam sollte man werden, wenn der Kopfumfang über der 99,6. Perzentile liegt oder um 2 Perzentilenabstände (centile spaces) nach oben kreuzt.

Ärztinnen und Ärzte achten auch auf Hautzeichen. Dazu gehören Café-au-lait-Flecken (hellbraune Flecken) oder helle Flecken, kapilläre Hämangiome (capillary haemangiomas, Muttermale aus Blutgefäßen) und kleine Knötchen um Nase und Mund. Auch der Kopfumfang der Eltern sollte gemessen werden.

Wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, wenn Ihr Kind Zeichen für erhöhten Hirndruck (raised intracranial pressure) zeigt:

  • eine vorgewölbte Fontanelle (die weiche Stelle am Kopf eines Babys)
  • Erbrechen
  • ungewöhnliche Schläfrigkeit oder Reizbarkeit
  • Veränderungen an den Augen, etwa Schielen, ein hängendes Augenlid oder Doppeltsehen
  • Probleme beim Gehen
  • Krampfanfälle
  • Verlust von Fähigkeiten, die es schon hatte

Eine italienische Übersichtsarbeit (Accogli 2021) beschreibt, dass Ärztinnen und Ärzte meist zu einer Bildgebung des Gehirns raten, wenn solche Zeichen, andere neurologische Zeichen oder Sorgen um die Entwicklung bestehen. Eine Bildgebung ist oft nicht nötig, wenn es dem Kind sonst gut geht und andere Familienmitglieder ebenfalls einen großen Kopf haben.

Kurz gesagt

  • Etwa 1 von 6 autistischen Menschen hat einen großen Kopf.
  • Oft ist das familiär. Lassen Sie auch den Kopfumfang der Eltern messen.
  • Ein PTEN-Test kommt bei großem Kopf plus weiteren Zeichen in Frage, nicht bei Autismus allein.
  • Bei Entwicklungsverzögerung schließt eine Genomsequenzierung PTEN mit ein.

Eltern fragen oft auch nach anderen Auffälligkeiten, etwa dem Essen von Dingen, die keine Nahrung sind. Siehe Pica bei autistischen Kindern.

Quellen

  1. Sacco R, Gabriele S, Persico AM. Psychiatry Res Neuroimaging 2015;234(2):239–51. doi:10.1016/j.pscychresns.2015.08.016
  2. Butler MG, et al. J Med Genet 2005;42(4):318–21. doi:10.1136/jmg.2004.024646
  3. Varga EA, et al. Genet Med 2009;11(2):111–7. doi:10.1097/GIM.0b013e31818fd762
  4. McBride KL, et al. Autism Res 2010;3(3):137–41. doi:10.1002/aur.132
  5. Klein S, et al. Autism Res 2013;6(1):51–6. doi:10.1002/aur.1266
  6. Hoogerbrugge N, et al. ERN GENTURIS cancer surveillance guideline for PHTS. Eur J Hum Genet 2026. doi:10.1038/s41431-026-02181-z
  7. NICE CG128, Empfehlung 1.5.6. https://www.nice.org.uk/guidance/cg128/chapter/Recommendations
  8. NHS England. National Genomic Test Directory v8.0 (Mai 2025): R27, R213. https://www.england.nhs.uk/wp-content/uploads/2018/08/rare-inherited-disease-eligibility-criteria-v8.0.pdf
  9. NHS GeNotes: Child with macrocephaly. https://www.genomicseducation.hee.nhs.uk/genotes/in-the-clinic/presentation-child-with-macrocephaly/
  10. RCPCH. UK-WHO growth chart, boys 0–4 years: Interpreting the chart (Erläuterungen). https://www.rcpch.ac.uk/sites/default/files/Boys_0-4_years_growth_chart.pdf
  11. Accogli A, Geraldo AF, Piccolo G, et al. Diagnostic approach to macrocephaly in children. Front Pediatr 2021;9:794069. doi:10.3389/fped.2021.794069