ADHS und Sterblichkeit: Wie man eine Hazard Ratio von 1,7 liest

Eine diese Woche in JAMA Network Open veröffentlichte Metaanalyse fasst die internationale Forschung zur Sterblichkeit bei Aufmerksamkeitsdefizit-/
Was die Studie gefunden hat
Im Vergleich zu Menschen ohne ADHS hatten Menschen mit ADHS ein höheres Sterberisiko (Hazard):
- alle Ursachen: Hazard Ratio (HR) 1,71 (95-%-Konfidenzintervall (KI) 1,31–2,24)
- Suizid: HR 1,89 (95-%-KI 1,21–2,95)
- absichtliche oder unabsichtliche Verletzung: HR 1,55 (95-%-KI 1,22–2,00)
- natürliche Ursachen: HR 1,27 (95-%-KI 1,16–1,38)
Innerhalb der ADHS-Gruppe war die Einnahme von Medikamenten mit einer niedrigeren Gesamtsterblichkeit verbunden: HR 0,75 (95-%-KI 0,64–0,87).
Alle Studien zeigten in dieselbe Richtung. Die Größe des Effekts unterschied sich aber stark zwischen ihnen (I² 98 % für die Gesamtsterblichkeit). I² misst, wie stark die Ergebnisse der Studien voneinander abweichen. 0 % heißt, sie stimmen überein; Werte nahe 100 % heißen, sie weichen stark ab. Der zusammengefasste Wert ist ein Durchschnitt über sehr unterschiedliche Länder, Altersgruppen, Gesundheitssysteme und Jahrzehnte. Er lässt sich nicht auf ein einzelnes Kind übertragen.
Was 1,7 für eine Familie bedeutet
Eine Hazard Ratio vergleicht Raten. Sie sagt, wie viel höher die Sterberate in einer Gruppe ist als in einer anderen, über den untersuchten Zeitraum. Allein sagt sie nichts darüber, wie viele Menschen betroffen sind. Das 95-%-KI ist der Bereich, in dem der wahre Wert wahrscheinlich liegt.
Todesfälle bei Kindern und jungen Erwachsenen sind selten. Wenn die Ausgangsrate klein ist, bleibt auch nach einem relativen Anstieg von etwa 70 % das absolute Risiko klein.
Nur ein Rechenbeispiel. Die runden Zahlen zeigen die Rechnung; sie stammen nicht aus dieser Studie. Angenommen, über zehn Jahre sterben etwa 2 von 1.000 jungen Menschen ohne ADHS, gleich aus welcher Ursache. Eine Hazard Ratio von 1,7 ergäbe für junge Menschen mit ADHS etwa 3 bis 4 von 1.000. In diesem Beispiel beträgt der Unterschied ein bis zwei zusätzliche Todesfälle pro 1.000 über zehn Jahre.
So erkläre ich es, wenn Eltern fragen. Der relative Wert erklärt, warum Versorgungsdienste das ernst nehmen sollten. Für eine Familie zählt der absolute Wert.
Warum der Befund zu Medikamenten ein Zusammenhang ist
Der Befund zu Medikamenten braucht die meiste Vorsicht. Er beruht auf drei Studien, alle beobachtend. Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, dass er nicht als Beleg für eine ursächliche Schutzwirkung gelesen werden sollte.
Drei Probleme kommen hinzu.
- Verzerrung durch die Behandlungsindikation (confounding by indication). Wer Medikamente verschrieben bekommt und wer sie weiter nimmt, ist nicht zufällig. Behandelte und unbehandelte Gruppen können sich in Schweregrad, Begleiterkrankungen, Zugang zu Versorgung und Familiensituation unterscheiden. Statistische Anpassung kann nicht alles erfassen.
- Effekt der Therapietreue (healthy adherer effect). Wer ein Langzeitmedikament weiter nimmt, unterscheidet sich oft auch anders: Diese Menschen kommen zu Terminen, haben mehr organisierte Unterstützung und bleiben in Kontakt mit der Versorgung. Die Therapietreue selbst kennzeichnet eine Gruppe mit niedrigerem Risiko, unabhängig vom Inhalt der Tablette.
- Kleine Zahlen und Streuung. Die drei Studien stimmten nicht eng überein (I² 55 %), und drei sind zu wenige, um die Gründe zu untersuchen.
Das heißt nicht, dass der Zusammenhang falsch ist. Es gibt plausible Wege von der Behandlung zu weniger Todesfällen, etwa bessere Aufmerksamkeit im Straßenverkehr und weniger impulsives Risikoverhalten. Aber eine Hazard Ratio von 0,75 aus drei Beobachtungsstudien ist ein Grund für weitere Forschung. Sie ist keine Zahl, die man einer Familie als sicheren Nutzen nennt.
Woher das zusätzliche Risiko kommt
Die höheren Werte für Suizid und Verletzung betreffen Todesfälle, die grundsätzlich vermeidbar sind. Sie passen zu begleitender Depression, Substanzkonsum, Impulsivität und Ausschluss aus Schule und Arbeit. Viele der Kinder mit ADHS, die ich gesehen habe, waren auch autistisch. Die Autorinnen und Autoren merken an, dass ein Teil des zusätzlichen Risikos auf Autismus und andere neurologische Entwicklungsstörungen zurückgehen kann.
Der Wert für natürliche Ursachen war kleiner, 1,27, aber er war der einheitlichste Befund zwischen den Studien. Das passt zu höheren Raten von Rauchen, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselproblemen und schlechterem Zugang zur Routineversorgung bei Erwachsenen mit ADHS.
Praktische Punkte
Für Ärztinnen, Ärzte und Fachkräfte:
- Bei Kontrollterminen direkt nach Selbstverletzung und Suizidgedanken fragen, besonders im Jugendalter und bei gedrückter Stimmung, Substanzkonsum oder Schulausschluss.
- Verletzungsrisiko als Teil des ADHS-Gesprächs behandeln: Straßenverkehr, Radfahren, Führerschein, Alkohol und Drogen.
- Menschen in der Nachsorge halten. Abbrüche, besonders beim Übergang von der Kinder- und Jugendmedizin in die Erwachsenenversorgung, sind oft der Punkt, an dem die Kontrolle endet.
- Bei Erwachsenen mit ADHS die körperliche Gesundheit prüfen: Rauchen, Blutdruck und Gewicht.
Für Eltern und Lehrkräfte:
- Die relativen Werte beschreiben Muster in sehr großen Bevölkerungsgruppen. Das absolute Risiko für ein einzelnes Kind ist klein.
- Wenn ein junger Mensch die Medikamente absetzt oder nicht mehr zur Nachsorge kommt, sagen Sie es der Hausarztpraxis oder dem ADHS-Team.
- Veränderungen bei Stimmung, Risikoverhalten oder Rückzug bei einem Kind mit ADHS sollten rasch abgeklärt werden.
Fazit
ADHS ist mit einem höheren Sterberisiko verbunden. Die größten relativen Anstiege gibt es bei Suizid und Verletzung. Weil Todesfälle bei jungen Menschen selten sind, bleibt das absolute Risiko für ein einzelnes Kind klein. Der Befund zu Medikamenten ist ermutigend, aber er ist ein Zusammenhang aus drei Beobachtungsstudien, kein Beweis. Die praktische Botschaft: Menschen in Behandlung und Nachsorge halten und bei jedem Kontrolltermin nach Stimmung, Selbstverletzung und Sicherheit fragen.
Quelle
- Corrigan L, et al. Mortality among people with attention-deficit/hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analysis. JAMA Network Open. 2026;9(10):e2639448. Online veröffentlicht am 19. Oktober 2026. PMID 42895743. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.39448. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2026.39448
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