Praktische Autismusforschung
Forschung aktuell

ADHS und Suizidversuche: Die Genetik ergänzt die Warnzeichen, sie ersetzt sie nicht

· Von Practical Autism Research

Eine große dänische Studie, diese Woche erschienen, hat Suizidversuche bei fünf neurologischen Entwicklungsstörungen und psychischen Erkrankungen untersucht. Sie fragt, ob genetisches Risiko bei allen gleich wirkt. Für ADHS ist die klarste Botschaft keine genetische. Es geht um Geschlecht und Substanzkonsum. Die Genetik kommt hinzu.

Die Studie

Das Team nutzte iPSYCH, eine dänische Gruppe von 98.069 Menschen. Suizidversuche stammen aus nationalen Krankenhausregistern, erfasst über ICD-10-Codes (die internationale Liste der Diagnosen). Menschen mit ADHS, Autismus, Schizophrenie, bipolarer Störung und Depression wurden mit Menschen aus der Allgemeinbevölkerung verglichen. Eine Person konnte mehr als eine Diagnose haben.

Die Forschenden nutzten 21 polygene Scores. Ein polygener Score zählt tausende kleine, häufige genetische Unterschiede zusammen, die mit einem Merkmal zusammenhängen. Jede Diagnosegruppe wurde nach Score in Drittel geteilt. Dann wurde für jedes Drittel das absolute Risiko eines erfassten Suizidversuchs berechnet.

Was sie fanden

In der Vergleichsgruppe lag der Anteil erfasster Suizidversuche bei 1 %. In den Diagnosegruppen reichte er von 5 % bei Autismus bis 31 % bei Schizophrenie.

Das genetische Bild war bei allen Erkrankungen ähnlich. Wer einen Suizidversuch gemacht hatte, hatte höhere polygene Scores für ADHS, Depression und Substanzkonsum, unabhängig von der Diagnose.

ADHS: zuerst Geschlecht und Substanzkonsum

Bei ADHS hatten Mädchen und Frauen im oberen Drittel des Scores ein Risiko von 36 % für einen erfassten Suizidversuch. Bei Jungen und Männern im oberen Drittel waren es 22 %.

Substanzkonsum erhöhte das Risiko weiter. Bei Menschen mit ADHS und einer Substanzgebrauchsstörung lag es im oberen Drittel bei 48 %.

Die Scores erklärten den Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht. Frauen und Männer mit Suizidversuch trugen etwa die gleiche genetische Last. Die Genetik verschiebt das Risiko innerhalb jeder Gruppe. Den Abstand zwischen den Gruppen erklärt sie nicht.

Autistische junge Menschen

Autismus hatte von den fünf Erkrankungen den niedrigsten Anteil erfasster Suizidversuche, nämlich 5 %. Das ist immer noch fünfmal so viel wie in der Vergleichsgruppe.

Das Muster war das gleiche wie in den anderen Gruppen. Autistische Menschen mit Suizidversuch hatten höhere Scores für ADHS, Depression und Substanzkonsum. Bei einem autistischen jungen Menschen verdienen ADHS, gedrückte Stimmung und Alkohol oder Drogen deshalb die gleiche Aufmerksamkeit wie bei ADHS.

Was die Scores können und was nicht

Polygene Scores sind kein klinischer Test. Sie beschreiben Risiken in Gruppen. Ob ein bestimmter junger Mensch einen Suizidversuch macht, können sie nicht sagen.

Krankenhausregister erfassen nicht alle Suizidversuche. Die Autorinnen und Autoren halten es für möglich, dass Scores künftig bei der Risikoeinschätzung helfen. So weit ist die Praxis heute nicht.

In der Sprechstunde zählen weiter die einfachen Fragen: Stimmung, Schlaf, Alkohol, Drogen und was sich in letzter Zeit verändert hat. Einen polygenen Score würde ich dafür nicht anfordern.

Zum Mitnehmen

  • Bei ADHS sind weibliches Geschlecht und Alkohol- oder Drogenkonsum die klinischen Warnzeichen.
  • Fragen Sie junge Menschen mit ADHS direkt nach Alkohol und Drogen, und fragen Sie weiter, wenn sie älter werden.
  • Achten Sie bei autistischen jungen Menschen auch auf ADHS, Depression und Substanzkonsum.
  • Die Genetik ergänzt das klinische Risiko. Sie ersetzt die klinische Einschätzung nicht.
  • In jeder Gruppe hat die Mehrheit keinen Suizidversuch gemacht. Risiko lässt sich erkennen, und man kann handeln.

Quelle

  1. Starnawska A, Nielsen TT, Grove J, Cordero-Solorzano J, Bybjerg-Grauholm J, Psychiatric Genomics Consortium Autism Spectrum Disorder Working Group, Corfield EC, Anney RJL, Docherty AR, Børglum AD, Demontis D. Genetic architecture and risk of suicide attempt across neurodevelopmental and psychiatric conditions. Biological Psychiatry. Online erschienen am 13. Oktober 2026. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2026.09.028 (frei zugänglich).

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