Praktische Autismusforschung
Medizinische Versorgung

Methylphenidat und das Herz: was das absolute Risiko bedeutet

· Von Practical Autism Research

Methylphenidat ist das Medikament, über das ich am häufigsten mit Familien von Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) spreche. Viele dieser Kinder sind auch autistisch. Die Frage nach dem Herzen kommt regelmäßig. Eine große französische Studie gibt jetzt ein klareres Bild über längere Zeit. Die Hauptzahl klingt hoch. Wichtiger sind die absoluten Zahlen, und sie führen zu etwas Praktischem.

Was die Studie gemacht hat

Forscher in Lyon nutzten das französische nationale Gesundheitsdatensystem. Sie erfassten alle, die zwischen 2014 und 2023 mit Methylphenidat begannen. Jedem neuen Anwender wurden drei Nicht-Anwender gleichen Geschlechts mit gleichem Geburtsmonat und Geburtsjahr zugeordnet. Menschen mit bestehender Herzerkrankung oder relevanten Risikoerkrankungen wurden ausgeschlossen.

Das ergab 212.216 neue Anwender und 636.648 Nicht-Anwender. Das mittlere Alter lag bei 13,7 Jahren, 72 % waren männlich. Die Nachbeobachtung dauerte etwa vier Jahre.

Der Hauptendpunkt war eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Sie war über Diagnoseschlüssel definiert oder über den Beginn eines Medikaments gegen Bluthochdruck.

Was sie gefunden haben

In etwa vier Jahren gab es bei den Anwendern 1.960 Ereignisse, also 9,2 pro 1.000. Bei den Nicht-Anwendern gab es 1.898 Ereignisse, also 3 pro 1.000.

Nach Bereinigung um andere Faktoren hatten Anwender das 2,37-fache Risiko der Nicht-Anwender.

Das Team prüfte dann auf verbleibende Störfaktoren. Dazu nutzte es Negativkontroll-Endpunkte, also Ereignisse, die das Medikament nicht beeinflussen sollte. Die so korrigierte Schätzung war niedriger, beim 1,85-fachen Risiko. Sie blieb statistisch signifikant.

Relatives und absolutes Risiko

Eine Hazard Ratio von fast zwei klingt hoch. Eine Hazard Ratio vergleicht, wie oft über die Zeit neue Ereignisse bei Anwendern und bei Nicht-Anwendern auftraten. Sie ist ein Verhältnis. Für sich allein sagt sie nichts darüber, wie viele Kinder betroffen sind.

Wichtiger sind die absoluten Zahlen. In dieser Studie hatten etwa 991 von 1.000 Kindern, die mit Methylphenidat begannen, über vier Jahre kein erfasstes Herz-Kreislauf-Ereignis. Der rohe Unterschied zwischen den Gruppen lag bei etwa 6 zusätzlichen Ereignissen pro 1.000. Dieser rohe Unterschied ist noch nicht bereinigt. Die korrigierte Schätzung spricht dafür, dass ein Teil davon nicht auf das Medikament zurückgeht.

Beachten Sie auch, was gezählt wurde. Der Beginn eines Blutdruckmedikaments zählte als Ereignis. Dieser Endpunkt erfasst also wahrscheinlich Blutdruckprobleme, nicht nur schwere Herzerkrankungen.

Warum Kontrollen wichtig sind

Die Autoren folgern, dass die Ergebnisse Herz-Kreislauf-Kontrollen während der Behandlung stützen. Ich stimme zu.

Stimulanzien können Puls und Blutdruck erhöhen. Ein Anstieg ist leicht zu messen und leicht zu behandeln. Der Zweck der Kontrollen ist, die kleine Gruppe zu finden, bei der es darauf ankommt.

Die englische Leitlinie zu ADHS, NG87, des NICE (National Institute for Health and Care Excellence) ist eindeutig. Messen Sie Puls und Blutdruck vor Beginn. Wiederholen Sie die Messung vor und nach jeder Dosisänderung und alle sechs Monate. Vergleichen Sie die Werte mit dem Normbereich für das Alter und nutzen Sie eine Manschette in passender Größe. Zweimal erhöhte Werte (über der 95. Perzentile), ein anhaltender Ruhepuls über 120 oder eine Herzrhythmusstörung sollten zu einer Dosisreduktion und einer Überweisung führen.

Was in Deutschland gilt

In Deutschland ist die Fachinformation zu Methylphenidat verbindlich. Ihr Wortlaut ist EU-weit abgestimmt. Sie verlangt vor der Verordnung:

  • eine Beurteilung von Herz und Kreislauf, einschließlich Blutdruck und Herzfrequenz
  • eine vollständige Anamnese, einschließlich der Familienanamnese zu plötzlichem Herztod, ungeklärtem Tod und bösartigen Herzrhythmusstörungen
  • eine körperliche Untersuchung auf bestehende Herzerkrankungen
  • Größe und Gewicht, eingetragen in eine Wachstumskurve.

Weist etwas auf eine Herzerkrankung hin, folgt eine fachkardiologische Abklärung. Während der Behandlung werden Blutdruck und Puls bei jeder Dosisänderung und mindestens alle 6 Monate gemessen und dokumentiert. Ein routinemäßiges EKG (Elektrokardiogramm) verlangt die Fachinformation nicht. Eine gemeinsame Stellungnahme von EUNETHYDIS und zentralem adhs-netz vom 18.06.2008 hält ein EKG nicht für zwingend. Methylphenidat sollte nicht allein deshalb vorenthalten werden, weil kein EKG gemacht wurde.

Die deutsche S3-Leitlinie ADHS stammt von 2017 und wird derzeit überarbeitet.

In der Praxis sind es die halbjährlichen Kontrollen, die untergehen. Geteilte Zuständigkeiten, verpasste Termine und lange Wartezeiten spielen alle eine Rolle.

Fazit

  • Methylphenidat war mit einem höheren relativen Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme verbunden, einschließlich des Beginns eines Blutdruckmedikaments.
  • Das absolute Risiko war klein. Etwa 99 % der Kinder, die damit begannen, hatten über vier Jahre kein erfasstes Ereignis.
  • Das Ergebnis stützt Kontrollen. Die Studie hat den Nutzen der Behandlung nicht abgewogen. Sie kann die Entscheidung für eine Behandlung daher nicht allein klären.
  • Prüfen Sie Puls und Blutdruck zu Beginn, bei jeder Dosisänderung und mindestens alle sechs Monate. Nutzen Sie die richtige Manschette und altersbezogene Perzentilen.
  • Eltern können bei jedem Termin fragen: „Wann wurden Puls und Blutdruck zuletzt gemessen?“

Dr. Odet Aszkenasy ist beratender Kinderarzt (Consultant Community Paediatrician) und Autor von The Genetics of Autism: A Guide for Parents and Professionals.

Quellen

  1. Berthod C, Loppinet T, Ndiaye M, Boussaha I, Jacquet-Lagreze M, Kassaï-Koupai B. Methylphenidate and long-term risk of cardiovascular diseases: a nationwide cohort study. Pharmacoepidemiology and Drug Safety. 2026;35(10):e70493. https://doi.org/10.1002/pds.70493
  2. Fachinformation Methylphenidat (z. B. Concerta).
  3. AWMF. S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Registernummer 028-045 (2017, in Überarbeitung). https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045
  4. EUNETHYDIS / zentrales adhs-netz. Gemeinsame Stellungnahme vom 18.06.2008 zu EKG-Ableitungen bei Methylphenidat-Verordnungen. https://www.zentrales-adhs-netz.de/fileadmin/redakteure/zentrales-adhs-netz/Ueber-das-Netz/Taetigkeit/Stellungnahmen/EKG-Ableitungen_bei_Methylphenidat-Verordnungen.pdf; doi:10.1024/1422-4917.36.6.437 https://doi.org/10.1024/1422-4917.36.6.437