Gewicht, Appetit und Autismus oder ADHS: was die Forschung zeigt
Eltern autistischer Kinder und Eltern von Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/
Die meisten Zahlen unten stammen aus Studien in den USA. Aus Deutschland gibt es dazu kaum Daten. Wir wissen nicht, wie gut sich die US-Zahlen auf Kinder hier ĂŒbertragen lassen.
Was die Studien zeigen: Autismus
Mehrere Ăbersichtsarbeiten haben Studien zusammengefasst, die autistische Kinder mit anderen Kindern vergleichen.
- Eine Ăbersichtsarbeit von 2022 mit 20 Studien fand, dass etwa 17 von 100 autistischen Kindern und Jugendlichen eine Adipositas haben. Autistische Kinder hatten etwa 1,6-mal so hĂ€ufig eine Adipositas wie Kinder in den Vergleichsgruppen. Bis auf drei stammten alle 20 Studien aus den USA (Sammels und Kollegen, 2022).
- Eine Ăbersichtsarbeit von 2019 kam auf etwa 22 von 100, mit einem um 41 % höheren Risiko als bei anderen Kindern. Der Zusammenhang war stĂ€rker bei Ă€lteren Kindern, bei MĂ€dchen und in Studien aus den USA (Kahathuduwa und Kollegen, 2019).
- Eine Ăbersichtsarbeit von 2020 mit 95 Studien zu Autismus und ADHS ĂŒber alle Altersgruppen fand, dass der Anteil autistischer Menschen mit Adipositas mit dem Alter steigt: von etwa 17 von 100 im Alter von 2 bis 5 Jahren auf etwa 31 von 100 bei Erwachsenen (Li und Kollegen, 2020).
Die wenigen europÀischen Studien in der Arbeit von 2022 fanden keinen klaren Unterschied zwischen autistischen und nicht autistischen Kindern (Sammels und Kollegen, 2022).
Was die Studien zeigen: ADHS
- Eine Ăbersichtsarbeit von 2016 mit 42 Studien fand eine Adipositas bei etwa 10 von 100 Kindern mit ADHS, im Vergleich zu etwa 7 von 100 Kindern ohne ADHS. Menschen, die ADHS-Medikamente nahmen, hatten kein höheres Risiko (Cortese und Kollegen, 2016).
- Eine weitere Ăbersichtsarbeit von 2016 fand insgesamt einen kleinen Zusammenhang. Die Autoren hielten ihn bei jĂŒngeren Kindern wahrscheinlich fĂŒr klinisch nicht bedeutsam, bei jugendlichen MĂ€dchen mit weiteren Erkrankungen fĂŒr möglicherweise bedeutsam und im Erwachsenenalter fĂŒr bedeutsam (Nigg und Kollegen, 2016).
Wie groĂ ist der Zusammenhang?
Der Zusammenhang zwischen Autismus oder ADHS und höherem Gewicht zeigt sich in den Ăbersichtsarbeiten durchgehend, ist aber bei Kindern gering. Bei den ADHS-Zahlen oben betrĂ€gt der Unterschied etwa 3 Kinder mehr von 100. Im Jugend- und Erwachsenenalter wird der Zusammenhang stĂ€rker. Die meisten autistischen Kinder und Kinder mit ADHS haben keine Adipositas.
Diese Studien zeigen einen Zusammenhang. Sie zeigen nicht, dass Autismus oder ADHS eine Gewichtszunahme verursachen. Viele andere Dinge beeinflussen das Gewicht, zum Beispiel Familieneinkommen, Schlaf, Bewegung und Medikamente, und Studien können sie nicht immer voneinander trennen.
Warum sich das Gewicht verÀndern kann
Medikamente
Manche Medikamente steigern Appetit und Gewicht. In Studien mit Kindern und Jugendlichen fĂŒhrte Risperidon im Durchschnitt zu etwa 1,8 kg mehr Gewichtszunahme als ein Placebo (ein Scheinmedikament). Bei Olanzapin waren es etwa 3,5 kg mehr, bei Aripiprazol etwa 0,9 kg mehr (Almandil und Kollegen, 2013).
Stimulanzien gegen ADHS, zum Beispiel Methylphenidat, senken tagsĂŒber oft den Appetit. Die britische Leitlinienbehörde NICE (National Institute for Health and Care Excellence) empfiehlt, GröĂe und Gewicht bei Kindern mit ADHS-Medikamenten regelmĂ€Ăig zu messen. Wenn Gewichtsverlust ein Problem ist, nennt sie unter anderem: das Medikament mit oder nach dem Essen nehmen und frĂŒh am Morgen oder spĂ€t am Abend, wenn die Wirkung nachgelassen hat, eine zusĂ€tzliche Mahlzeit oder einen Snack einplanen (NICE NG87, 1.8.5 und 1.8.6).
Setzen Sie kein Medikament wegen Gewicht oder Appetit ab und Ă€ndern Sie keine Dosis, ohne mit dem Arzt oder der Ărztin zu sprechen, der oder die es verschrieben hat.
Eine kleine Auswahl an Lebensmitteln
Viele autistische Kinder essen nur wenige âsichereâ Lebensmittel, oft wegen Geschmack, Konsistenz oder Geruch. Dadurch wird die ErnĂ€hrung weniger abwechslungsreich. Das bedeutet nicht immer ein niedriges Gewicht. Wenn die sicheren Lebensmittel sĂ€ttigend und energiereich sind, kann ein Kind zunehmen und trotzdem zu wenig von manchen Vitaminen und Mineralstoffen bekommen.
Schlaf
Schlafprobleme sind bei autistischen Kindern und Kindern mit ADHS hĂ€ufig. NICE empfiehlt, Familien zu erklĂ€ren, dass Schlafmangel das Risiko einer ĂŒbermĂ€Ăigen Gewichtszunahme bei Kindern und Jugendlichen erhöhen kann (NICE NG246).
Bewegung und Bildschirme
Mannschaftssport und volle SpielplĂ€tze können fĂŒr manche autistische Kinder und Kinder mit ADHS schwer sein, und die Bildschirmzeit ist vielleicht höher. Das kann eine Rolle spielen, aber es gibt dazu bei diesen Kindern wenig gute Forschung.
Höheres Gewicht schlieĂt ARFID nicht aus
ARFID (vermeidend-restriktive ErnĂ€hrungsstörung) ist eine Essstörung, bei der ein Kind Essen vermeidet oder stark einschrĂ€nkt, weil es Geschmack, Konsistenz oder Geruch nicht vertrĂ€gt, Angst vor Verschlucken oder Erbrechen hat oder wenig Interesse am Essen zeigt. Es geht nicht um Figur oder den Wunsch, dĂŒnn zu sein. ARFID wird anhand des Essverhaltens und seiner Folgen festgestellt, zum Beispiel fehlende NĂ€hrstoffe, der Bedarf an NahrungsergĂ€nzung oder groĂe Probleme im Alltag durch die Mahlzeiten. Niedriges Gewicht ist eine mögliche Folge, aber keine Voraussetzung.
Auch ein Kind mit durchschnittlichem oder höherem Gewicht kann ARFID haben. Der Rat, weniger zu essen, kann fĂŒr ein Kind mit stark eingeschrĂ€nktem Essen riskant sein. Wenn Ihr Kind sehr einseitig isst, sprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt oder Ihrer KinderĂ€rztin, bevor Sie etwas Ă€ndern, und fragen Sie nach einer ErnĂ€hrungsfachkraft. Mehr dazu finden Sie in ErnĂ€hrungsprobleme und ARFID bei autistischen Kindern: Ein praktischer Leitfaden fĂŒr Eltern und KinderĂ€rzte.
Was hilft
Die Forschung zur GewichtsunterstĂŒtzung bei autistischen Kindern ist dĂŒnn. Eine Ăbersichtsarbeit von 2019 fand 12 Studien. Die HĂ€lfte zeigte eine deutliche Gewichtsabnahme, aber 8 der 12 waren von geringer QualitĂ€t. Am vielversprechendsten waren Programme, die auf das Kind zugeschnitten waren, mehrere Bereiche zugleich abdeckten und von einem Team aus Fachleuten betreut wurden (Healy und Kollegen, 2019). FĂŒr Kinder mit ADHS haben wir keine belastbaren Studien zur GewichtsunterstĂŒtzung gefunden.
Die NICE-Leitlinie zu Ăbergewicht und Adipositas empfiehlt Fachleuten, die Familie und das Kind um Erlaubnis zu fragen, bevor sie ĂŒber das Gewicht sprechen oder messen (NICE NG246, 1.10.3).
Praktische Schritte, die fĂŒr die meisten Familien passen:
- Halten Sie die sicheren Lebensmittel Ihres Kindes bereit. Bieten Sie Neues daneben an, in kleinen Mengen und ohne Druck.
- Bezeichnen Sie Lebensmittel nicht als âgutâ oder âschlechtâ.
- Halten Sie feste Zeiten fĂŒr Mahlzeiten und Snacks ein.
- Finden Sie Bewegung, die Ihrem Kind Freude macht und die es schafft, zum Beispiel Spazierengehen, Schwimmen, Trampolinspringen oder ein Lieblingsspiel.
- SchĂŒtzen Sie den Schlaf. Siehe Schlafprobleme bei Autismus: Die Wissenschaft fĂŒr bessere NĂ€chte erschlieĂen.
- Sprechen Sie vor Ihrem Kind ĂŒber Gesundheit, Energie und Wohlbefinden, nicht ĂŒber Gewicht.
Wann Sie Hilfe holen sollten
Sprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt, Ihrer KinderĂ€rztin oder dem Arzt oder der Ărztin, der oder die das Medikament verschrieben hat, wenn:
- Gewicht oder GröĂe Ihres Kindes im gelben Kinderuntersuchungsheft ĂŒber die Perzentilenkurven hinweg nach oben oder unten wandern
- Ihr Kind nur sehr wenige Lebensmittel isst oder die Auswahl kleiner wird
- Ihr Kind oft mĂŒde, blass oder krank ist oder Probleme mit Verdauung oder ZĂ€hnen hat, die mit dem Essen zusammenhĂ€ngen
- Mahlzeiten viel Stress auslösen
- ein neues Medikament Appetit oder Gewicht stark verÀndert hat
Quellen
- Sammels O, Karjalainen L, Dahlgren J, Wentz E. Autism spectrum disorder and obesity in children: a systematic review and meta-analysis. Obesity Facts. 2022;15(3):305â320. doi:10.1159/000523943
- Kahathuduwa CN, West BD, Blume J, et al. The risk of overweight and obesity in children with autism spectrum disorders: a systematic review and meta-analysis. Obesity Reviews. 2019;20(12):1667â1679. doi:10.1111/obr.12933
- Li YJ, Xie XN, Lei X, Li YM, Lei X. Global prevalence of obesity, overweight and underweight in children, adolescents and adults with autism spectrum disorder, attention-deficit hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analysis. Obesity Reviews. 2020;21(12):e13123. doi:10.1111/obr.13123
- Cortese S, Moreira-Maia CR, St Fleur D, et al. Association between ADHD and obesity: a systematic review and meta-analysis. American Journal of Psychiatry. 2016;173(1):34â43. doi:10.1176/appi.ajp.2015.15020266
- Nigg JT, Johnstone JM, Musser ED, et al. Attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) and being overweight/obesity: new data and meta-analysis. Clinical Psychology Review. 2016;43:67â79. doi:10.1016/j.cpr.2015.11.005
- Almandil NB, Liu Y, Murray ML, et al. Weight gain and other metabolic adverse effects associated with atypical antipsychotic treatment of children and adolescents: a systematic review and meta-analysis. Paediatric Drugs. 2013;15(2):139â150. doi:10.1007/s40272-013-0016-6
- Healy S, Pacanowski CR, Williams E. Weight management interventions for youth with autism spectrum disorder: a systematic review. International Journal of Obesity. 2019;43(1):1â12. doi:10.1038/s41366-018-0233-8
- National Institute for Health and Care Excellence. Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). 2018, aktualisiert 2019. nice.org.uk/guidance/ng87
- National Institute for Health and Care Excellence. Overweight and obesity management (NG246). 2025. nice.org.uk/guidance/ng246
Dr. Odet Aszkenasy ist beratender Kinderarzt (Consultant Community Paediatrician) und Autor von The Genetics of Autism: A Guide for Parents and Professionals.