Praktische Autismusforschung
Verhalten

Wenn sich das Verhalten ändert: Eine klinische Checkliste für minimal verbale autistische Kinder

· Von Practical Autism Research
Titelbild für Wenn sich das Verhalten ändert: Eine klinische Checkliste für minimal verbale autistische Kinder

Ein Kind, das Ihnen nicht sagen kann, dass es Schmerzen hat, wird es Ihnen stattdessen zeigen. Das Zeigen sieht oft aus wie „herausforderndes Verhalten”.

Dies ist eines der wichtigsten Prinzipien in der Autismusversorgung und eines der am häufigsten übersehenen. Wenn ein minimal verbales oder nicht-sprechendes autistisches Kind neue oder sich verschlimmernde Verhaltensweisen entwickelt, sollte die erste klinische Frage nicht sein „Wie bewältigen wir dieses Verhalten?” Es sollte sein „Was sagt uns dieses Verhalten?” (1).

Das Kernprinzip: Verhalten ist Kommunikation

Verhaltensänderung bei einem Kind, das Symptome nicht leicht berichten kann, sollte als potenzielles Symptom selbst behandelt werden, bis das Gegenteil bewiesen ist (2).

Die Schlüsselfrage ist immer: Was hat sich geändert, und wann hat es begonnen?


Die Checkliste

1. Schmerz und körperliches Unbehagen

Schmerz ist die am häufigsten übersehene Ursache für Verhaltensänderung bei minimal verbalen autistischen Kindern.

Zahnprobleme

Worauf achten: Gesichtsschwellung, Nahrungsverweigerung (besonders harter, kalter oder heißer Speisen), Speichelflussänderung, Reiben oder Schlagen ins Gesicht, gestörter Schlaf, verändertes Kaufmuster.

Was tun: Dringende Zahnuntersuchung anfordern. Möglicherweise ist eine Untersuchung unter Sedierung nötig. Zahnröntgen kann Abszesse und Karies identifizieren.


Mittelohrentzündung

Worauf achten: Neues oder verstärktes Kopfschlangen oder Ohrenziehen, Kopfneigung, verminderte Reaktion auf Geräusche, Fieber, Gleichgewichtsstörungen.

Was tun: Otoskopie. Tympanometrie bei Verdacht auf Paukenerguss. HNO-Überweisung.


Verstopfung

Betrifft bis zu 85 % der autistischen Kinder (7).

Worauf achten: Reduzierter Appetit, abdominelle Distension, erhöhte Reizbarkeit nach Mahlzeiten, Haltungsänderungen (nach vorne beugen, Bauch gegen Oberflächen drücken), Einkoten.

Was tun: Abdominalpalpation. Macrogol (Movicol) nach NICE-Leitlinien. Oft dauert die Behandlung Wochen bis Monate.


Harnwegsinfekt

Worauf achten: Neues Einnässen bei einem zuvor trockenen Kind, vermehrte Belastung beim Windelwechsel, riechender oder trüber Urin, Fieber.

Was tun: Urinanalyse (Teststreifen und Kultur).


Gastroösophagealer Reflux

Worauf achten: Hohlkreuzbildung besonders nach Mahlzeiten, Nahrungsverweigerung, Räuspern, Mundgeruch, Verschlechterung im Liegen.

Was tun: Therapeutischer Versuch mit einem Protonenpumpenhemmer (8).


Muskuloskelettale Schmerzen und Frakturen

Worauf achten: Hinken, Weigerung zu belasten, Schwellung, Belastung bei passiver Bewegung.

Was tun: Klinische Untersuchung mit Röntgen. Möglichkeit nicht-unfallbedingter Verletzung bedenken.


Hauterkrankungen

Worauf achten: Kratzen an bestimmten Körperstellen, gestörter Schlaf, Widerstand gegen Kleidung.

Was tun: Vollständige Hautuntersuchung.


2. Neurologische Ursachen

Anfälle (einschließlich subklinischer Anfälle)

Epilepsie betrifft 20-30 % der autistischen Menschen (9). Nicht alle Anfälle sind konvulsiv.

Worauf achten: Starre-Episoden, unerklärliche Stürze, Verlust zuvor erlernter Fähigkeiten (Regression), erhöhte Verwirrtheit, Schlafstörung, zyklische Verhaltensmuster, Inkontinenz.

Was tun: EEG (idealerweise schlafentzugsbedingtes oder prolongiertes ambulantes EEG). Überweisung an pädiatrische Neurologie (10).


Erhöhter Hirndruck

Selten aber ernst. Nicht-verbale Kinder können Kopfschmerzen nicht berichten.

Worauf achten: Erbrechen (besonders morgens), neues Kopfschlagen, Bewusstseinsveränderung.

Was tun: Dringende medizinische Beurteilung. Fundoskopie. Bildgebung bei klinischem Verdacht.


3. Medikamentenwirkungen

Häufige Verursacher: Antipsychotika (Akathisie, Gewichtszunahme, Verstopfung), Stimulanzien (Rebound-Reizbarkeit, Appetitunterdrückung), Antikonvulsiva (Stimmungsänderungen), Melatonin (paradoxe Hyperaktivität), jede kürzliche Medikamentenänderung (11).


4. Sensorische und Umgebungsänderungen

Lehrerwechsel, Bauarbeiten, neue Beleuchtung, Veränderungen in der Familie, saisonale Veränderungen, Routineänderungen.

Was tun: Detaillierte Zeitleiste der Verhaltensänderung neben Umgebungsänderungen erstellen.


5. Psychische Gesundheit

Angst und Depression

Worauf achten: Rückzug von zuvor genossenen Aktivitäten, verstärkte repetitive Verhaltensweisen, Schlafstörung, Appetitveränderungen, verminderte Motivation, Selbstverletzung (12).


6. Missbrauch und Kinderschutz

Autistische Kinder mit eingeschränkter Kommunikation sind signifikant erhöht gefährdet. Kinder mit Behinderungen sind 3,7-mal häufiger von Gewalt betroffen (13).

Worauf achten: Unerklärliche Prellungen, Ängstlichkeit gegenüber bestimmten Personen, neu auftretendes sexualisiertes Verhalten, plötzliche Regression, neu auftretendes Einkoten/Einnässen (14).


7. Schlaf

Schlafverschlechterung ist sowohl häufige Ursache als auch Folge von Verhaltensänderung (15).


Ein praktischer Rahmen

Schritt 1: Veränderung definieren

Was genau hat sich geändert? Wann begann es?

Schritt 2: Medizinisches Screening

Vollständige klinische Untersuchung (Ohren, Zähne, Bauch, Haut). Urinanalyse. Blutuntersuchungen wenn indiziert.

Schritt 3: Medikamentenüberprüfung

Schritt 4: Umgebungszeitlinie erstellen

Schritt 5: Psychische Gesundheitsbeurteilung

Schritt 6: Kinderschutz

Schritt 7: Laufende Überwachung


Diagnostische Überschattung

Jeder Kliniker, der ein autistisches Kind mit Verhaltensänderung sieht, sollte sich fragen: „Wenn dieses Kind fließend sprechen könnte, was würde ich untersuchen?” Die Antwort auf diese Frage sollte Ihr klinisches Vorgehen leiten (16).

Literatur

  1. Mason J, Scior K. JARID. 2004;17(2):85-90.
  2. NICE. NG11. 2015 (updated 2018).
  3. Lam PP, et al. Autism. 2020;24(5):1064-1076.
  4. da Silva SN, et al. Int J Paed Dent. 2017;27(5):388-398.
  5. NICE. NG233. 2023.
  6. NICE. CG99. 2010 (updated 2017).
  7. Pang KH, Croaker GDH. Pediatr Surg Int. 2011;27(4):353-358.
  8. Buie T, et al. Pediatrics. 2010;125(S1):S1-S18.
  9. Spence SJ, Schneider MT. Pediatr Res. 2009;65(6):599-606.
  10. Tuchman R, et al. Brain Dev. 2010;32(9):709-718.
  11. Hsia Y, et al. Psychopharmacology. 2014;231(6):999-1009.
  12. Esbensen AJ, et al. JADD. 2003;33(6):617-629.
  13. Jones L, et al. The Lancet. 2012;380(9845):899-907.
  14. RCPCH. Child Protection Companion. 3rd ed. 2023.
  15. Malow BA, et al. Pediatrics. 2012;130(S2):S106-S124.
  16. University of Bristol. LeDeR Annual Report 2021. NHS England; 2022.