Praktische Autismusforschung
Übergang

Die Klippe mit 18: Warum autistische junge Menschen durch die Übergangslücke fallen

· Von Practical Autism Research
Titelbild für Die Klippe mit 18: Warum autistische junge Menschen durch die Übergangslücke fallen

Nur 4 % der jungen Menschen erleben einen „idealen” Übergang von Kinder- zu Erwachsenen-Psychiatriediensten. Für autistische junge Menschen sind die Chancen noch schlechter. Neue Forschung, eine Untersuchung des House of Lords und ein großes Regierungsgutachten zwingen diese Krise endlich ans Licht.

Einleitung

Jedes Jahr in England erreichen über 25.000 junge Menschen die Altersgrenze, an der kinder- und jugendpsychiatrische Dienste (CAMHS) enden und Erwachsenenpsychiatrische Dienste (AMHS) beginnen sollen. Für die meisten ist dies kein sanfter Übergang. Für autistische junge Menschen ist es oft eine Klippe — ein plötzlicher Verlust von Unterstützung genau in dem Moment, in dem das Leben komplexer wird.

Die Zahlen sind deutlich. Nur etwa 4 % der jungen Menschen erleben einen „idealen” Übergang. Zwischen einem Viertel und der Hälfte verlieren nach dem Verlassen des CAMHS den Kontakt zu psychiatrischen Diensten vollständig.

Was die neueste Forschung uns sagt

Die Barrieren sind institutionell, nicht individuell

Ein Scoping-Review von Tang und Kollegen (2026) untersuchte Barrieren beim Übergang von CAMHS zu AMHS spezifisch für autistische junge Menschen und solche mit ADHS (1). Die wichtigsten Barrieren waren institutionell — schlechte Kommunikation zwischen Kinder- und Erwachsenendiensten, fehlende Klarheit über professionelle Rollen und Lücken in Erwachsenendiensten für Menschen mit neurologischen Entwicklungsstörungen.

Das Problem ist nicht, dass autistische Teenager „schwer zu überführen” sind. Das Problem ist, dass Dienste nicht dafür gestaltet sind, sie zu überführen.

Die CAMHS-AMHS-Modell-Diskrepanz

CAMHS ist familienorientiert. Es arbeitet mit Schulen, bezieht Eltern ein, koordiniert zwischen Einrichtungen. AMHS ist individuumsorientiert, klinischer, mit weniger familiärer Einbindung und einer höheren Zugangsschwelle.

Für autistische junge Menschen, die auf familiäre Unterstützungsstrukturen angewiesen sein können und mit der plötzlichen Erwartung autonomer Selbstvertretung kämpfen, ist dieser Wandel nicht nur unbequem — er kann wirklich schädlich sein (2).

Ko-vorkommende Erkrankungen verschärfen das Problem

Eine niederländische Studie (2025) untersuchte die Überlappung von körperlichen und psychischen Gesundheitszuständen bei autistischen Erwachsenen (3). Autistische Erwachsene waren 6- bis 34-mal häufiger als nicht-autistische Erwachsene von Stimmungsstörungen (45 %), Angst (22 %) oder Persönlichkeitsstörungen (21 %) betroffen.

Das bedeutet: Der Übergang kann nicht auf Autismus isoliert betrachtet werden. Ein autistischer junger Mensch benötigt möglicherweise gleichzeitig Epilepsie-Versorgung, psychische Gesundheitsunterstützung, ADHS-Management und laufende körperliche Gesundheitsüberwachung (4).

Was die Bezugspersonen sagen

Wolpe und Kollegen interviewten Bezugspersonen autistischer junger Menschen in Kalifornien (7). Neun von zehn erlebten einen abrupten Dienstverlust nach dem Schulabschluss ihres Kindes. Wartezeiten für wichtige Erwachsenendienste überschritten ein Jahr.

Systemische Barrieren — nicht der Autismus selbst — schaffen die größten Herausforderungen.

Die britische politische Reaktion

House of Lords: „Time to Deliver”

Im November 2025 veröffentlichte der Ausschuss des House of Lords den Bericht Time to Deliver (8). Der Ausschuss war eindeutig: Autistische Menschen „brauchen oft die meiste Unterstützung genau in den Lebensphasen des Übergangs” — genau dann, wenn Unterstützung „am wahrscheinlichsten wegfällt.”

Der Fonagy-Review

Die unabhängige Überprüfung psychischer Gesundheits-, ADHS- und Autismusdienste, gestartet im Dezember 2025 unter Professor Peter Fonagy, wird voraussichtlich im Sommer 2026 berichten (10). 227.813 Patienten warteten im September 2025 in England auf eine Autismusdiagnostik — ein 13-facher Anstieg seit April 2019.

Was hilft: Neue Evidenz für bessere Ansätze

Stärkenbasierter Übergang

Ein Scoping-Review in Autism untersuchte stärkenbasierte Ansätze und fand, dass die meisten Programme keine validierten Instrumente zur Erfassung individueller Stärken autistischer junger Menschen hatten — der Fokus bleibt überwältigend auf Defiziten (12).

Das STEPS-Programm

Eines der vielversprechendsten Programme: STEPS (Stepped Transition to Employment and Postsecondary Success). Teilnehmer identifizieren reale Lebensziele und üben die benötigten Fähigkeiten. Die Pilotstudie zeigte hohe Durchführbarkeit und vorläufige Verbesserungen in Übergangsbereitschaft und Selbstwirksamkeit (13).

Was das in der Praxis bedeutet

Für Familien mit autistischen Kindern, die sich dem Übergang nähern:

  • Früh planen beginnen. NICE-Leitlinien empfehlen Übergangsplanung ab 14 Jahren.
  • Einen Übergangskoordinator anfordern.
  • Ko-vorkommende Erkrankungen kartieren. Jede braucht einen Übergangsplan.
  • Eigene Aufzeichnungen führen. Detaillierte Aufzeichnungen über die Geschichte und was funktioniert.
  • Wissen, dass Sie nicht allein sind. Das Versagen des Übergangs ist ein Systemversagen, kein persönliches.

Wichtige Erkenntnisse

  • Nur 4 % der jungen Menschen erleben einen „idealen” Übergang. Autistische junge Menschen schneiden noch schlechter ab.
  • Die Barrieren sind institutionell — Dienste müssen sich ändern, nicht die Patienten.
  • Ko-vorkommende Erkrankungen erfordern multidisziplinäre Übergänge.
  • NICE empfiehlt bedarfsbasierte, nicht altersbasierte Übergänge.
  • Der Fonagy-Review (Sommer 2026) könnte die Übergangspolitik umgestalten.

Unterstützungsangebote

  • National Autistic Society (autism.org.uk) — Helpline: 0808 800 4104
  • NICE NG43 — Übergang von Kinder- zu Erwachsenendiensten
  • Council for Disabled Children — Ressourcen zum rechtlichen Rahmen
  • Transition Ready (transitionready.app) — kostenlose App zur Übergangsvorbereitung
  • Contact (contact.org.uk) — Unterstützung für Familien

Literatur

  1. Tang, K., et al. (2026). Child: Care, Health and Development.
  2. Shahid, S., et al. (2025). Clinical Child Psychology and Psychiatry.
  3. Torenvliet, C., et al. (2025). Autism.
  4. Vinayan, K.P. (2025). Annals of Indian Academy of Neurology, 28(1), 26-31.
  5. Ghanouni, P. & Naimpally, T. (2025). BMC Health Services Research.
  6. Pilot rural and urban comparison survey study. (2025). Autism.
  7. Wolpe, S.M., et al. (2025). JADD, 55(1), 166-180.
  8. House of Lords Select Committee. (2025). Time to Deliver.
  9. HM Government. (2026). Government response to Lords Select Committee.
  10. DHSC. (2025). Independent review terms of reference.
  11. HSSIB. (2025). Transition investigation report.
  12. Rumsa, S., et al. (2025). Autism.
  13. Brewe, A.M. & White, S.W. (2025). Autism in Adulthood.